ÖGJ

Bildung für alle

Perspektive für alle!
Der PISA-Test zeigt: Österreichs SchülerInnen sind bestenfalls Durchschnitt. Doch bei uns haben nicht alle die gleiche Chance auf eine gute Bildung und Ausbildung. Auf dem Weg zur besseren Schule und Lehre sind noch viele stillstehende Baustellen in Angriff zu nehmen.

von Christian Resei

Mathematik, Naturwissenschaften und Lesekompetenz: Diese Fächer testet die OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) weltweit alle drei Jahre bei SchülerInnen. An der aktuellen PISA-Studie nahmen rund 540.000 Jugendliche im Alter zwischen 15 und 16 Jahren teil – stellvertretend für 29 Millionen in den Schulen der 72 teilnehmenden Länder. Diesmal wurde ein besonderer Schwerpunkt auf die Naturwissenschaften gelegt. Auf den ersten Blick sieht das Ergebnis für Österreich nicht so schlecht aus: Im Haupttestgebiet Naturwissenschaften kommen die SchülerInnen auf einen Wert von 495 Punkten. Das entspricht in etwa dem Durchschnitt (493). Doch im Testgebiet Lesen schneiden die SchülerInnen mit 485 Punkten eher schlecht ab – der OECD-Schnitt liegt bei 494 Punkten. In Mathe, dem besten Austro-Ergebnis, konnten 497 Punkte erreicht werden. Immerhin hier liegt Österreich über dem Schnitt von 490.

Schwächen und Ungleichheiten.

Bedenklich ist aber, dass fast jeder/jede dritte SchülerIn in Österreich in zumindest einem Fach (Lesen, Mathe, Naturwissenschaften) zur Gruppe der Risiko-SchülerInnen, die „gravierende Mängel“ aufweisen, gehört. Ganze 13 Prozent sind sogar in allen drei Gebieten in dieser Risiko-Gruppe zu finden. Große Unterschiede gibt es auch weiterhin zwischen Burschen und Mädchen. Beim Lesen sind die Mädchen überlegen, in Mathe ist es umgekehrt. In den Naturwissenschaften haben die Burschen ihren Vorsprung seit dem vorigen Test sogar verdoppelt. Dagegen zeigen Länder wie etwa Finnland, dass es auch anders geht: Die Mädchen sind dort in den Naturwissenschaften überlegen. Die besten PISA-SchülerInnen kommen aus Singapur, Japan, Hongkong. Europas Beste sind die Esten und Finnen.

Ungerechtes Schulsystem.

Was wirklich schockiert: „Noch immer ist der Leistungsunterschied bei Kindern aus Akademikerhaushalten und Kindern, deren Eltern maximal Pflichtschulabschluss haben extrem hoch. Das österreichische Bildungssystem gleicht das nicht ausreichend aus“, weiß Wolfgang Schüchner, Bildungsexperte der Arbeiterkammer (AK) Wien.
In allen drei Testgebieten erreichten AkademikerInnenkinder um exakt 100 Punkte mehr als Kinder von Eltern mit maximal Pflichtschulabschluss. Das entspricht etwas mehr als zwei Lernjahren! In keinem anderen europäischen Land gibt es diesen Unterschied. Österreichs Schulsystem ist ungerecht, Kinder von weniger gebildeten Eltern werden zu wenig gefördert. Oft wird das Urteil der LehrerInnen über SchülerInnen in sozial schlechter gestellten Familien kaum hinterfragt, gilt als in Stein gemeißelte Wahrheit. Dabei fehlt es meistens nicht an Intelligenz, sondern bloß an einer guten Lernumgebung – etwa ruhige und helle Räumlichkeiten und ein Mensch, der bei Fragen zum aktuellen Lernstoff hilfreich zur Seite stehen kann. Grundsätzlich sollte das die Aufgabe der Schulen sein. Umso mehr müssen Schulen, in denen viele Kinder aus ärmeren Schichten lernen, wesentlich mehr Geld bekommen. Die AK hat festgestellt: 17 Prozent aller österreichischen Schulen haben einen sehr hohen Förderbedarf. Heißt: Diese Schulen versammeln eine überdurchschnittlich hohe Anzahl an Kindern, deren Eltern maximal einen Pflichtschulabschluss haben und Kids, deren Muttersprache nicht Deutsch ist. Diese Schulen müssen mehr Geld als bisher bekommen und selber bestimmen, wo sie es einsetzen: etwa für zusätzliche LehrerInnen, SozialarbeiterInnen oder FreizeitpädagogInnen.

Gesamtschule wäre wichtig.

Sämtliche internationale Studien zeigen: In Österreich werden die SchülerInnen zu früh getrennt. Das System siebt Kinder ab 10 Jahren aus. Eine sozial gerechte Lösung wäre daher eine gemeinsame Schule der 6- bis 15-Jährigen. Denn Kinder lernen in sozial gemischten Klassen mehr und nicht weniger.
Studien ergaben: „Gute“ werden besser, wenn man ihnen die Möglichkeit gibt, „schwächeren SchülerInnen“ etwas beizubringen. Dabei klären sie offene Fragen und festigen ihr Wissen. Die „Schwächeren“ werden gut, denn Kinder lernen am besten voneinander. Richtig gemacht führt die gemeinsame Schule zur Nivellierung nach oben. In Finnland, in Deutschland (u. a. in Hamburg und Berlin), in Südtirol oder auch in Polen konnten mit der Einführung der gemeinsamen Schule bessere Lernergebnisse für alle erzielt werden. In Österreich wird schon lange an neuen Schulkonzepten herumgedoktert. Doch das Beharren der ÖVP auf die Gymnasium-Unterstufe zerstört viele Bemühungen. Die „Neue Mittelschule“ kann trotz guter pädagogischer Konzepte die Probleme nicht lösen solange es parallel dazu ein Gymnasium gibt.

Auf niveauvolle Lehre achten.

Gute Ausbildung funktioniert über menschliche Beziehungen. Motivieren, anspornen, gemeinsam Ziele stecken. Die Menschen sind von Natur aus neugierig, wollen lernen, doch ein Teil unseres Systems versteht es, das Verlangen nach mehr Wissen Stück für Stück abzubauen. Das gilt leider auch für so manche Lehrstelle. Die Öffentlichkeit sollte deshalb nicht nur auf Schulen mit Niveau achten, sondern auch die Qualität in der Lehre verbessern. Nach wie vor gibt es Betriebe, die Lehrlinge nur als billige Arbeitskräfte sehen und den Jugendlichen kaum etwas beibringen. Viele Jugendliche müssen deshalb weite Strecken ihrer Ausbildung im Leerlauf absolvieren. Die Österreichische Gewerkschaftsjugend (ÖGJ) setzt sich daher für ein gesetzlich vorgeschriebenes Qualitätsmanagement und für Qualitätsnormen in der Lehrlingsausbildung ein. Zusätzlich soll für alle Lehrlinge die Lehre mit Matura möglich werden.

Eine neue Chance geben.

Auch sollte an die gedacht werden, die am unteren Ende des Systems stehen. Immerhin gibt es 5.000 Jugendliche pro Jahr, die nur die Pflichtschule abschließen und danach keine Lehre oder Schule besuchen. Die Gefahr, dass sie nur schlecht in die Arbeitswelt einsteigen und dabei nur schlecht bezahlte Jobs haben oder bald arbeitslos werden, ist sehr hoch. Deshalb hat die Regierung die Ausbildungspflicht bis 18 beschlossen, sie gilt seit Juli vorigen Jahres und jeder/jede der/die seine Pflichtschulzeit beendet hat, muss danach eine Ausbildung, also eine Lehre, schulische Bildung oder eine andere Art von Qualifizierung beginnen. Die nun auch geltende Ausbildungsgarantie bis 25 soll jenen eine Chance geben, die sich nachträglich qualifizieren wollen. Für unqualifizierte 19- bis 24-jährige Arbeitslose werden dabei Nachqualifizierungs-Angebote geschaffen: etwa eine Lehre für Erwachsene oder eine Facharbeiter-Intensivausbildung. Ein Schritt in die richtige Richtung – aber weitere müssen folgen.


PISA
PISA steht für Programme for International Student Assessment (Programm zur internationalen Schülerbewertung). Weltweit werden dabei in über 70 Staaten SchülerInnen zwischen 15 und 16 Jahren in Naturwissenschaften, in Mathematik und in Lesen getestet. Diese Überprüfung findet alle drei Jahre statt, sie soll den Bildungsstand am Ende der Schulpflicht erheben. 

Schule 4.0
Digitalisierung, Robotik, Crowdworking – diese und noch mehr Begriffe beschreiben den digitalen Wandel, der unser Arbeitsleben, die Ausbildung, die Gesellschaft im Allgemeinen, betrifft. ExpertInnen, Arbeitgeber- und ArbeitnehmervertreterInnen machen sich Gedanken dazu, wie Digitalisierung unser Arbeitsleben verändert, und wie wir gleichzeitig alle davon profitieren können. Digitalisierung beginnt aber schon davor, in der Bildung und Ausbildung junger Menschen und damit in den Schulen. Digitalisierung heißt auch, dass Schulen mit aktuellen Technologien, Infrastruktur und entsprechendem Unterricht ausgestattet sind. Die meisten Schulen sind hier auf einem guten Weg. Für die Lehrlinge heißt es aber oft warten. Denn während 90 Prozent der höheren Schulen und Neuen Mittelschulen E-Learning im Unterricht anwenden, setzen weniger als die Hälfte (47 Prozent) der Berufsschulen neue Technologien ein. Das wiederum hängt unmittelbar mit der WLAN-Abdeckung in Schulen zusammen. Nur knapp die Hälfte der BerufsschülerInnen kann sich kabellos mit dem Internet oder den Schulnetzwerken verbinden. Bei den Bundesschulen ist nur jede zehnte Schule ohne WLAN. Wer kein WLAN hat, tut sich auch schwer, einen innovativen digitalen Unterricht zu gestalten, bei dem Jugendliche lernen sollen, Alltagsgeräte für den Wissenserwerb und berufliche Ziele zweckorientiert einzusetzen. Zugriff auf WLAN zu haben, ist für junge Leute das Selbstverständlichste auf der Welt. Nutzen wir neue Technologien doch für unsere Zwecke! Die Jugendlichen sind bereit, bitte auch die Schulen.
Die Kamikatze


Welche Erinnerungen hast du an die Schule?

Claudia Vasic
(15), Kochlehrling:
In der Schule gab es Lehrer, die nicht so nett waren, aber es gab welche, die mir in Mathe, wo ich nicht so gut war, weitergeholfen haben.

Patrick Wonofsky
(15), Metallbearbeitungstechniker:
Die Schule war meistens stressig, drei Stunden hintereinander Deutsch oder Mathe das war nicht toll. Ich gehe lieber jetzt in die Lehre.

Toni Pakic
(16), Metallbearbeitungstechniker:
Meine Schulzeit war okay, ich konnte gut mit den Lehrern, aber für mich ist es auch wichtig, dass wir in der Lehre etwas Ordentliches lernen.

Daniel Hauser
(16), Uhrmacher:
Ich war im letzten Schuljahr in der NMS, da wurde ich sehr unterstützt, und ich konnte in Englisch Nachhilfe nehmen und habe einen positiven Abschluss geschafft.

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