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Finger weg!

Wenn Vorgesetzte Macht missbrauchen und sexuelle Belästigung kein Einzelfall ist

Grapschen, nein Danke! - Wie gängig sexuelle Belästigung tatsächlich ist, zeigt die Bewegung um #metoo. Aber nicht allein Stars sind davon betroffen, Opfer finden sich quer durch alle Branchen hinweg.

von Christian Resei

Der Chef war wieder Mal gut aufgelegt und unterhielt die gesamte Abteilung mit einem Witz: „Herr Direktor, ich habe eine neue Stellung, sagt die Sekretärin. Darauf der Direktor: Prima, dann schließen Sie die Tür ab.“ Fast jeden Tag muss Jenny derartige Witze über sich ergehen lassen. Besonders die älteren Kollegen finden das lustig. Wenn Jenny, die manche gerne „Mausi“ nennen, nicht mitlacht, wird sie als Spielverderberin bezeichnet. Öfters wurde ihr schon angetragen, den einen oder anderen Vorgesetzten am Wochenende „ein bisserl näher kennenzulernen“. Jenny ist einer „klassischen“ sexuellen Belästigung ausgesetzt. Wie Zehntausende Frauen – und auch Männer – in Österreich.


Machtmissbrauch.
Einige in ihren Branchen mächtige Menschen denken, sie könnten sich alles erlauben – wie etwa der US-Filmproduzent Harvey Weinstein, der seine Position über Jahrzehnte missbrauchte. Er wird nun von Dutzenden Frauen beschuldigt, sie sexuell belästigt und selbst vergewaltigt zu haben. Ein offenes Geheimnis, das niemanden zu stören schien. Gerüchte über Weinsteins „Besetzungscouch“ hatten in Hollywood jahrelang die Runde gemacht, Andeutungen gab es schon 1998. Doch erst 20 Jahre später muss Weinstein die Konsequenzen tragen.

#metoo.
Die Affäre hat eine öffentliche Diskussion ausgelöst, die betroffene Schauspielerin Alyssa Milano rief über Twitter das Hashtag „me too“/#metoo („ich auch“) ins Leben. Das Echo ist gewaltig und hat sich von den USA nach Europa ausgebreitet. Berühmte, bekannte und ganz normale Frauen berichten, wie sie Annäherungsversuchen meist älterer Männer ausgeliefert waren. Immer mehr einflussreiche Männer müssen ihr Verhalten erklären: Die Liste reicht vom US-Altpräsidenten George Bush Senior bis zu Oscarpreisträger Dustin Hoffman, Abgeordneten des EU-Parlaments und britischen Abgeordneten aller Parteien. Der „House of Cards“-Star Kevin Spacey wird beschuldigt, männliche Untergebene sexuell bedrängt zu haben.

Der ganz normale Alltag.
In Österreich wird nun über die Entgleisungen von Peter Pilz und anderen Politikern seines Alters diskutiert. Doch leider ist sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz keine Seltenheit und für manche sogar Alltag, trotzdem schweigen viele Frauen und wollen nicht öffentlich machen, was ihnen passiert ist. Das große Verdienst der #metoo-Bewegung ist es, dass nun weit und breit über sexuelle Belästigung gesprochen wird – es nicht länger ein Tabu-Thema ist.
Eva Rossmann, Autorin und Initiatorin des Frauenvolksbegehrens von 1997 – sie unterstützt auch das Frauen*volksbegehren 2.0 (http://frauenvolksbegehren.at) – hält das Verhalten dieser Männer für „ein Machtproblem“. „Es geht dabei nicht darum, eine Frau zu umgarnen, sondern schlicht darum: Wie weit schaffe ich es bei ihr, wie viel Macht kann ich noch ausüben, was lässt sie zu?“


Grenzen setzen!
Jede Person entscheidet selbst, was sie als Belästigung empfindet, und wo die persönliche Grenze liegt – und jeder Mensch hat auch das Recht, sich zu wehren. Sexuelle Belästigung ist, was als solche empfunden wird und für die Belästigten unerwünscht ist. Das reicht etwa von anzüglichen Bemerkungen über das Aussehen bis zum Erzählen einschlägiger Herrenwitze. Belästigend sind auch sogenannte Kosenamen wie Schatzi, Mausi, Hasi etc. und jede Form von unerwünschtem körperlichem Kontakt – etwa Schulterklopfen, Arm um die Schulter legen, Hand halten.

Po-Grapschen ist kein Kavaliersdelikt.
Viel diskutiert und geschmäht wurde der österreichische „Po-Grapsch-Paragraf“, der am 1. Jänner 2016 in Kraft getreten ist. Nicht „bloß“ Brust und Schritt: Nach Paragraf 218 StGB sind auch intensive und entwürdigende Berührungen an Körperstellen, die der Geschlechtssphäre zuordenbar sind, strafbar. Übrigens: Noch 2013 hat sich FPÖ-Chef Strache gegen die Bestrafung von „Po-Grapschen“ per Gesetz ausgesprochen. Ob sich Wirte oder Gäste an Kellnerinnen vergreifen, Sekretärinnen von ihren Chefs getätschelt werden, Unternehmer ihre Assistentinnen belästigen, im Handwerksbetrieb anzügliche Witze gerissen werden – in keiner Branche sind Frauen, vor allem in der Rolle der Untergebenen, vor sexueller Belästigung sicher.

Niemand muss sich das gefallen lassen.
AK-Rechtsexpertin Verena Stiboller stellt klar: „Keine Situation und kein Lebensumstand rechtfertigen, dass sich eine Frau derartiges gefallen lassen muss!“ Eine steirische Kellnerin hatte sich gerichtlich gegen einen Wirt zur Wehr gesetzt, der ihr regelmäßig auf das Gesäß langte – die AK half. Der Wirt wurde zu drei Monaten bedingt und einer Geldstrafe verurteilt. Hilfe dringend gesucht: Mehr als die Hälfte aller Beratungen im oberösterreichischen AK-Frauenbüro (www.frauenreferat-ooe.at) betreffen Fälle sexueller Belästigung. Den Frauen fällt es oft schwer, über diese Vorfälle zu sprechen – sie leiden und schweigen lange, bevor sie Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Hilfe annehmen!
Petra Smutny arbeitet als Juristin und Mediatorin, ist u. a. auf Arbeitsrecht spezialisiert. Sie vertritt Opfer sexueller Belästigung vor Gericht – bis auf einen Mann (er musste sich gegen einen anderen Mann wehren) waren es bisher nur Frauen. „Die Männer gehen vor Gericht voll in die Offensive. Ich habe noch nie erlebt, dass einer ,Ja, es tut mir leid, ich war übergriffig‘ sagt.“

Prävention.
In Betrieben könnte viel an Präventionsarbeit gegen sexuelle Belästigung geleistet werden, doch weil dieses Thema noch bis vor kurzem ein Tabu war, gibt es kaum Vorbildunternehmen.
Die Juristin hält auch Seminare wie etwa „Maßnahmen gegen sexuelle Belästigung“ ab. „Da stellen wir uns auch die Frage, wie ich mit meinem Gegenüber umgehe, das andere körperliche Grenzen setzt.“ Smutny erzählt von einem Lehrlingsausbildner, der Lehrmädchen körperlich nahe kam, um ihnen Arbeitsschritte an einer Maschine zu zeigen. „Wir haben das durchgespielt und der Ausbildner merkte dann selbst, dass er anderen zu nahe kommt.“ Die Intervention hat geholfen: Die Arbeitsschritte werden nun so erklärt, dass gebotener Abstand und Respekt eingehalten werden.


Sich wehren.
Sowohl für Betroffene als auch für Arbeitgeber gilt: Beschäftigte haben immer das Recht, sich gegen sexuelle Belästigung zu wehren. Die Verantwortung für belästigendes Verhalten tragen immer diejenigen, die belästigen – niemals die Leidtragenden. Auch wenn es, vor allem bei Vorgesetzten, schwierig ist: Zunächst höflich, aber bestimmt darauf aufmerksam machen, dass dieses Verhalten unerwünscht ist.

Lassen sich Mädchen zu viel gefallen?

  • Julia, 17, Schülerin: Frauen lassen sich zu viel gefallen. Ich habe schlechte Erfahrungen mit Burschen gemacht, die mich blöd angestänkert haben. Am besten man ist dann schlagfertig und mault zurück.
  • Marlies, 17, Schülerin: Wer schüchtern wirkt, der ist oft ein leichtes Ziel. Mein Freundeskreis lässt sich überhaupt nichts gefallen. Man darf den Leuten nicht die Macht geben, respektlos zu sein.
  • Nico, 19, im Hotelmanagement tätig: Frauen sollen die Möglichkeit haben zu lernen, wie sie sich gegen Übergriffe wehren können. Dafür sollte es viel mehr Projekte geben, denn es passiert einfach zu viel.
  • Juli, 20, Schülerin: Wenn ich beim Tanzen von hinten angetanzt werde, ist das unangenehm. Ich habe lernen müssen zu sagen: Nein, ich will das nicht! Früher bin ich einfach von der Tanzfläche weggegangen, ohne etwas zu sagen.

Hier bekommst du Hilfe

Im Betrieb: Betriebsrätinnen, BetriebsärztInnen oder Frauen­beauftragte

Außerhalb vom Betrieb: Gewerkschaft und Arbeiterkammer

Öffentliche Stellen: Gleichbehandlungsanwaltschaft, Tel: 0800 218 033 (gebührenfrei)

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