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Digitalisierung ja, aber! - Schöne neue Arbeitswelt

Die voranschreitende Digitalisierung hat uns alle fest im Griff – in der Arbeit, zu Hause, in der Ausbildung und Freizeit. Aber was macht sie mit uns? Profitieren ArbeitnehmerInnen davon, oder bleiben sie auf der Strecke? Veränderungen und Weiter­entwicklungen sind gut. Es kommt aber auf die Umsetzung an.

von Roderick Schön-Szavai

Früher waren leere Fabrikshallen unvorstellbar. Heute werden bereits zahlreiche „Geisterschichten“ gefahren. Digital vernetzte Roboter produzieren komplett selbstständig. Menschen haben dennoch ihren Platz. „Der Mensch programmiert die Maschine, also liegt es an uns, was wir zulassen“, so Kerstin Schiefer, Sekretärin für Wirtschaft in der Produktionsgewerkschaft (PRO-GE). Sie verdeutlicht: „Der Einsatz von Robotern ist Automatisierung. Digitalisierung ist die Vernetzung einzelner Produktionseinheiten.“ Triebfeder hinter den Prozessen ist die Produktivität. Steigt sie, wird mit geringeren Kosten die gleiche Menge produziert. In Österreich steigt sie durchschnittlich pro Jahr um 1,6 Prozent. Wächst die Wirtschaft dagegen nur um 1 Prozent, werden theoretisch rund 15.000 Arbeitsplätze in einem Jahr wegrationalisiert. „Wir müssen uns überlegen, wie die Gewinne durch Roboter, Automatisierung und Digitalisierung verteilt werden“, merkt Schiefer an. Möglich wäre das durch eine Wertschöpfungsabgabe. „Je mehr Werte mit weniger Menschen geschaffen werden, desto höher sollen die Abgaben sein“, erklärt die Gewerkschafterin die Logik dahinter. „Computer und Roboter brauchen keine Arbeitslosenversicherung, sondern nur jemanden, der sie repariert. Und genau die Person hätte das gerne.“ Die Konkurrenz zwischen Mensch und Maschine wird härter. „Durch die Automatisierung sind viele Jobs verloren gegangen. Die Digitalisierung verschärft diesen Trend, schafft aber neue Betätigungsfelder, vor allem in technischen Berufen“, so Schiefer.

Digitales Alltagsleben.
Unter Druck stehen auch andere Branchen. Vieles wird nur noch per Internet erledigt. „Uns wurde Selbstbedienung als Komfort verkauft“, kritisiert Patricia (Name v. d. Red. geändert), eine 19-jährige Studentin und Internetaktivistin. „Das bringt Kostenminimierung, Arbeitsplatzabbau und Daten für das Erstellen von Profilen. Kaum ein Unternehmen kann auf Online-Services verzichten.“ Aber kleine Geschäfte können nicht mithalten und müssen oftmals zusperren, weil ein Online-Service zu teuer ist. Neben klassischem Online-Shopping drängen sich Buchungsportale für Hotels, Flüge oder lokale Dienstleistungen zwischen Anbieter und KonsumentInnen. „Früher war es schwierig, Preise und Leistungen zu vergleichen. Portale ermöglichen das, verlangen aber von den Anbietern hohe Provisionen und führen zu einem heftigen Preiskampf“, bemerkt Patricia. „Verfahren gegen booking.com und Uber zeigen, dass hier Marktmacht konzentriert wird, und wie mit Wucht Wirtschaftsstrukturen destabilisiert werden.“ Dazu kommt, dass die großen kommerziellen Seiten und Portale in Steueroasen registriert sind und kaum besteuert werden. „Ein europäisches Steuersystem für Online-Geschäfte wäre notwendig“, appelliert die Wirtschaftssekretärin der PRO-GE.

Digitales Wohnen.
In der Seestadt Wien-Aspern entstanden modernste Gebäude, deren Steuerung von Licht, Heizung und Lüftung smart geregelt wird. Aber auch privat werden Wohnungen und Häuser modern aufgerüstet. „Alles was netzwerkfähig ist, hängt bei mir im Netzwerk. Auch die Beleuchtung wird per Tablet gesteuert. Nur die Heizung war mir zu kompliziert“, erzählt der 34-jährige Netzwerktechniker Julian. Einen Schritt weiter geht Michael, ebenfalls 34, der vor kurzem sein Elektronik-Studium abgeschlossen hat. Er bastelt sich die Elemente für die Digitalisierung und Fernsteuerung der Wohnungselektrik selber. „Die Smartphone-App programmiert ein Studienkollege, ich übernehme die Programmierung der Mikrocomputer.“

Information ist wertvoller als Gold.
Basis für erfolgreiche Automatisierung und Digitalisierung ist eine Informationsgrundlage. „Ohne Datenpool geht nichts“, zeigt Patricia auf. Entweder steuern direkt erhobene Daten wie Temperatur und Lichteinfall die Prozesse, oder es wird auf Profile zurückgegriffen. In der Produktion läuft das anders. „Inzwischen steuert die Maschine den Takt der ArbeiterInnen. Im Angestelltenbereich ist die Frage, inwieweit die PC-Nutzung ausgeweitet wird“, erklärt Kerstin Schiefer. Sonst sind die UserInnen selbst der Datenpool. Software im Hintergrund analysiert jeden Mausklick. „Anhand ausgewerteter persönlicher Nutzerdaten wird genau das gezeigt, was den errechneten Interessen und Vorlieben entspricht“, erklärt Patricia. „Fake News“ und „Alternative Fakten“ sind ein Ergebnis dieser Entwicklung, da Menschen in einer digitalen Blase gefangen werden. „Facebook, Google und Co. zeigen nur Suchergebnisse, News und Werbung, die den Interessen des Users entsprechen.“

Schule der Zukunft.
Wie soll damit umgegangen werden? Woher kommt digitale Kompetenz? Michaels Grundlage war die Lehre als Kommunikationstechniker. Julians Liebe zum Digitalen entfachte mit elf Jahren, als er seinen ersten Computer bekam. Patricia wuchs mit Computern und Internet auf und lernte viel von ihrem Vater: „Der EDV-Unterricht in der Schule dagegen war lächerlich.“ Dabei sind die Schulen gefordert. Die Ausstattung mit Computern ist laut Kerstin nachrangig, „viel wichtiger sind die Lehrkräfte, die Grundlagen vermitteln können. Digitales Verständnis gehört in die pädagogische Grundausbildung und muss ein Schwerpunkt im Lehrprogramm sein“. Hier sieht Kerstin klare Vorteile der Lehre: „Sie ist die Verknüpfung zwischen Theorie und Praxis. Die Lehre findet an den jeweiligen Maschinen und Computern im Betrieb statt. Wird sie mit der Matura ergänzt, entsteht eine Kombination aus Hausverstand, praktischer Erfahrung und theoretischem Wissen, die immer gefragt sein wird.“

Digitalisierung gestalten.
Was die Gestaltung des eigenen digitalen Lebens angeht, ist jeder selbst gefragt. Werden alle zu „gläsernen Menschen“? „Früher war ich kritischer. Jetzt habe ich mich damit abgefunden, dass einige Konzerne alles über mich wissen. Für mich ist es eine Lebenserleichterung“, meint Michael. Julian sieht das etwas anders. Er hat sich von Big Data und seinem Smartphone befreit. „Die erste Woche war hart, aber es hat sich ausgezahlt.“ Auf Online-Shopping und andere Services will er nicht verzichten. Sehr deutlich grenzt sich Patricia ab: „Ich bewege mich fast nur im Deep Web oder im Darknet.“ Auch die Aufgaben der Gewerkschaften werden neu definiert, so Kerstin: „Gewerkschaft und Wirtschaft müssen digitaler werden. Digitalisierung muss gemeinsam angegangen werden, um kreative, gute und tragfähige Lösungen zu finden. Sie darf nicht zulasten der ArbeitnehmerInnen gehen und die Wirtschaft nicht lähmen, denn: Roboter kaufen keine Autos.“ Der Erfolg der Digitalisierung hängt also an uns allen.

Fürchtest du die voranschreitende Digitalisierung in der Arbeitswelt?

Abed, 16, Schüler:
„Beruflich orientiere ich mich Richtung Medizin, also finde ich das positiv. Dennoch werden viele Leute ihren Arbeitsplatz verlieren.“

Lilian, 15, Schülerin:
„Wir haben kürzlich in der Schule darüber gesprochen. Maschinen müssen auch repariert werden. So schlimm wird’s nicht werden.“

Delia, 15, Schülerin:
„Ich habe keine Angst vor der Digitalisierung. Ich möchte Anwältin werden und da können Menschen kaum ersetzt werden.“

Richard, 22, Student Mikrobiologie:
„Viele Arbeitsplätze werden wegfallen. Industrie 4.0 finde ich also weniger gut. In der Medizin und in der Forschung ist die Digitalisierung jedoch von Vorteil.“

Sebastian, 13, Schüler:
„Die Frage ist, ob ‚Künstliche Intelligenz‘ kontrollierbar ist. Generell ist Digitalisierung keine schlechte Idee.“

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