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Ihr habt doch eh schon alles erreicht!

Es ist kompliziert. Einerseits bekennen sich fast alle dazu, dass Frauen und Männer die gleichen Rechte und Chancen haben sollen. Als FeministIn bezeichnen sich aber wenige. Das sei antiquiert und brauche man nicht mehr, in Österreich seien Frauen schon lange gleichberechtigt. Ganz so stimmt das leider nicht.

von Barbara Kasper

Vor 20 Jahren haben rund 650.000 Menschen für die Gleichstellung von Mann und Frau unterschrieben. Nur zwei der damaligen elf Forderungen wurden tatsächlich erfüllt. Auch 2017 verdienen Frauen noch immer durchschnittlich 22 Prozent weniger als Männer, in Führungspositionen sind sie eine Seltenheit und das, obwohl sie vergleichsweise besser ausgebildet sind als Männer. Nur 18,4 Prozent der Führungskräfte mittelständischer Unternehmen sind weiblich. In 40 Prozent der Unternehmen gibt es keine einzige Frau in der Führungsetage. Das ist ein Fehler. Denn es ist nachweislich belegt, dass Frauen in Führungspositionen wesentlich zum Erfolg des Unternehmens beitragen.

Traditionelle Rollenbilder.
Doch wenn es um Gleichberechtigung geht, muss man gar nicht so weit nach oben schauen. Frauen erledigen auch heute noch 73 Prozent der Hausarbeit und 79 Prozent der Kinderbetreuung, auch wenn die klassische Hausfrau selten geworden ist. Das größte Hindernis für Gleichberechtigung sind noch immer verfestigte traditionelle Rollenbilder in unserer Gesellschaft und die damit verbundene Berufswahl von Frauen und Mädchen.
„Wir müssen die Bewusstseinsbildung in der Bevölkerung vorantreiben, was diese Unterschiede, diese Stereotype betrifft. Das betrifft einerseits den privaten Bereich, wo Haushaltsarbeit und Kindererziehung noch immer mehr die Sachen der Frauen sind. Und andererseits das Berufsleben; diese gläsernen Decken sind keine Fiktion, die sind Realität. Da müssen wir kämpfen, dass Frauen gleiche Chancen haben“, sagt Frauenministerin Pamela Rendi-Wagner.

Quoten.
Wenn es darum geht, eine Quote von 50/50 einzuführen, damit bei bestimmten Positionen – sei es im Parlament, in Aufsichtsräten, im Betriebsrat oder in anderen Gremien – gleich viele Männer wie Frauen vertreten sind, schreien meist die Männer laut auf. „Das wäre nicht nötig, das könne man auch ohne Quote regeln.“ Immer wieder sehen sich auch Frauen von einer Quote bedroht. Doch die oben genannten Zahlen beweisen, dass es ohne Quote derzeit nicht anders möglich ist.
Susanne Hofer, GPA-djp-Bundesjugendvorsitzende, ist die einzige weibliche Vorsitzende einer Gewerkschaft innerhalb der Gewerkschaftsjugend. Sie ist der Meinung, einer der wichtigsten Schritte für eine flächendeckende Gleichberechtigung ist die Durchmischung von Frauen und Männern in Unternehmen. „Wir müssen diese Männerbündelei aufbrechen. Frauen zu organisieren reicht nicht. Es braucht für den Anfang eine klare Regelung, die Frauen in höhere Positionen bringt. Männer müssen Frauen den Platz geben“, ist sie überzeugt. „Bezeichnend dafür ist, dass beispielsweise der Handel hauptsächlich weibliche Mitarbeiterinnen hat, die Filialleitung trotzdem meist ein Mann über hat.“

Sexismus ist salonfähig.
Gerade im vorigen Jahr und in den vergangenen Monaten hat sich gezeigt, dass Sexismus manche Menschen einfach nicht mehr aufregt. Da gibt es einen amerikanischen Präsidenten, der in der Öffentlichkeit damit prahlt, Frauen sexuell belästigt zu haben, Männer, die es lächerlich finden, dass Po-Grapschen verboten ist, oder einen bekannten Extremsportler, der Frauen, die ihre Meinung öffentlich äußern, auf ihr Aussehen reduziert und beleidigt.
Drei Viertel aller Frauen werden mindestens einmal in ihrem Leben sexuell belästigt, per Mail, in sozialen Netzen, am Arbeitsplatz oder auf der Straße. Das Recht auf den eigenen Körper – die eigene Sexualität und das Recht auf Schwangerschaftsabbruch – wird wieder infrage gestellt. In den USA und Polen gingen deshalb Tausende Frauen auf die Straßen. Das war für Teresa Havlicek, Maria Stern, Schifteh Hashemi und viele andere Frauen genug, um sich zu einer Bewegung zusammenzutun und das Frauenvolksbegehren 2.0 gemeinsam ins Leben zu rufen.

Jetzt erst recht!
„Das Jahr 2016 war geprägt durch einen sexistischen Backlash. Der dadurch befürchtete Verlust längst erkämpfter Privilegien hat viele Frauen wachgerüttelt. Gleichzeitig gibt es große Unzufriedenheit über die schleppende Umsetzung nötiger Maßnahmen. Wenn es um Frauenpolitik geht, ist es immer too little, too late“, so Teresa Havlicek, eine der drei Sprecherinnen des Frauenvolksbegehrens 2.0. Frauenpolitik ist immer auch die Vision einer besseren Gesellschaft für alle.
Die 15 Forderungen des Frauenvolksbegehrens fokussieren sich auf Arbeit & Wirtschaft, Familie & Gesundheit, politische Teilhabe & Mitsprache. Zu den wichtigsten Forderungen aus diesen Bereichen gehören die Einführung einer 30-Stunden-Woche, Zugang zu kostenlosen Verhütungsmitteln und die Koppelung der Klubförderung im Parlament an eine 50-prozentige Frauenquote. „Eigentlich müsste ein Frauenvolksbegehren 100 Forderungen haben, dann würde man sehen, wie viel noch zu tun ist“, so Sprecherin Havlicek zum Forderungskatalog.

Von wegen gleichberechtigt.
„Die Statements von vielen Männern, es wäre ja alles schon gleichberechtigt, und wenn Forderungen von Frauen in den Schmutz gezogen oder als nebensächlich abgetan werden, nerven mich unheimlich“, ärgert sich Susanne Hofer, die weiß, wie viel noch zu tun ist. „Wir fordern seit 70 Jahren dasselbe, kämpfen dafür und sind immer noch weit von einer Gesellschaft entfernt, in der Frauen nicht dauernd aufs Frausein reduziert werden.“ Es gibt keinen plausiblen Grund dafür, warum Frauen weniger verdienen sollen als Männer, oder wieso eine Frau kein Manager oder Technikerin sein kann. In der Realität stoßen Frauen hier aber fast immer noch an ihre Grenzen.

Unbequem bleiben.
Feminismus ist anstrengend. Seit Jahren für das Gleiche einzustehen, kostet viel Energie und setzt Beharrlichkeit voraus. „Das was wir tun müssen, ist Frauen, Männer und Funktionärinnen zu sensibilisieren, Stereotype und Rollenbilder aufbrechen und Mädchen und junge Frauen darin bestärken, dass sie alles können, was sie wollen“, ist Susanne Hofer überzeugt. Darum ist Feminismus notwendig, und darum müssen wir weiterkämpfen.

Meilensteine in der Frauenbewegung – Ein Auszug

1848: Erster Wiener demokratischer Frauenverein, der Beginn der Frauenbewegung in Österreich.
1911: Erster Internationaler Frauentag findet in Dänemark, Deutschland, Österreich, der Schweiz und den USA statt. Es geht um Wahlrecht für Frauen, gleichen Lohn für gleiche Arbeit.
1918: Allgemeines Frauenwahlrecht in Österreich eingeführt.
1948: Allgemeine Erklärung der Menschenrechte: Diskriminierungsverbot hinsichtlich Geschlecht.
1975: Schwangerschaftsabbruch in Österreich unter bestimmten Bedingungen straffrei. Familienrechtsreform: Frauen dürfen erstmals ohne Zustimmung des Mannes arbeiten.
1989: Vergewaltigung in der Ehe wird strafbar.
1993: Gleichbehandlungsgesetz hinsichtlich Geschlecht tritt in Österreich in Kraft.
1997: Frauenvolksbegehren in Österreich mit der Forderung, Kinderbetreuungseinrichtungen auszubauen. Gewaltschutzgesetz mit Ehepartner-Wegweisungsrecht.
2002: Neuregelung des Kinderbetreuungsgeldes.
2006: Erste Präsidentin des Nationalrats.
2014: Die Einführung von Einkommensberichten in Betrieben.
2017: Frauenvolksbegehren 2.0 – www.frauenvolksbegehren.at

www.oegb.at/frauen

 

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