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"Gewerkschaft ist ein Instrument der Arbeiterklasse"

Ricard Bellera i Kirchhoff ist internationaler Sekretär der Gewerkschaft Comisiones Obreras (CCOO) in Barcelona und spricht im hallo! Speeddate über Jugendarbeitslosigkeit und Gewerkschaften in Spanien.

Was sind die Ursachen der Jugendarbeitslosigkeit in Spanien? Die Jugendarbeitslosigkeit war strukturell in Spanien immer schon sehr hoch, ist aber durch die Wirtschaftskrise noch mal stark angestiegen.

Warum? Weil die Jugendlichen die schlechtesten Verträge hatten, und in Spanien der Übergang von der Schule in den Beruf schwierig ist, weil es keine richtige Berufsausbildung gibt. Durch die Kürzungen der europäischen Politik wurde die Berufsberatung gestrichen, und die Zahl der SchulabbrecherInnen stiegen. In dem Moment, in dem der Staat seine Leistungen gekürzt und die Familien dadurch ihre soziale Stütze verloren hatten, verschlechterte sich die Lage der Jugendlichen enorm. Es gab keine Investitionen, Jugendliche bekommen keinen Kredit und Berufsangebote gibt es auch keine. Selbst etwas zu gründen, geht daher auch nicht. Dann bleibst du entweder zu Hause bei deinen Eltern, oder du gehst ins Ausland und versuchst, da deine Zukunft zu verdienen.

Wie ist die Stimmung unter den Jugendlichen? Als 50-Jähriger fühl ich mich manchmal schlecht bei dem Ganzen. Weil es geht nicht darum, dass sich die Jugendlichen über die Arbeitssituation beschweren, es geht darum, welches Bild das Land von sich gibt. Korruption und undemokratische Verhältnisse bringen auch sehr viele Jugendliche ins Ausland. Es sind also nicht nur die sozialen Umstände.

Gibt es eine Lösung? Es geht nicht nur um Strukturen, es geht um Haltung – des Einzelnen, der Unternehmer und der Politiker. Was wir unbedingt brauchen, ist ein anderer Rechtsrahmen. Mit der Arbeitsmarktreform 2012 haben wir unheimlich viele Rechte verloren. Es sind prekäre Arbeitsverträge gefördert worden, und durch den Verlust der Tarifverhandlungen haben wir weniger Möglichkeiten, in den Betrieben einzugreifen. Durch die Kürzungen bei den Arbeitsinspektoraten und der Steuerfahndung haben wir eine Situation, die es schwer macht, an die Mittel zu kommen, die da entgegenwirken könnten.

Welche Mittel sind das? Mehr Jugendzentren, aber vor allem auch mehr Unterstützung für Projekte, in denen sich Jugendliche selbst organisieren. Das ist manchmal eine gute Lösung, um einen Prozess zu starten und in Bewegung zu bringen. Aber dafür brauchst du Mittel und Investitionen.

Wie können Jugendliche für die Gewerkschaft begeistert werden? Wir müssen als Gewerkschaften attraktiver werden, um Jugendliche organisieren zu können. Dazu müssen wir nicht nur unsere Vorschläge, sondern auch die Art, wie wir Vorschläge an Jugendliche bringen, ändern. Wir versuchen es z. B. über soziale Netzwerke, aber das Beste wäre, wenn die Jugendlichen zu uns kommen, sich organisieren und die Sache selbst in die Hand nehmen. Das wäre der Sinn der ganzen Sache.

Brauchen Gewerkschaften einen Imagewechsel? Gewerkschaft ist eine Funktion und nicht ein fixe Struktur. Gewerkschaft ist ein Instrument der Arbeiterklasse, um sich gegenüber dem Kapital, dem Unternehmertum wehren zu können. In der Hinsicht müssen wir der Arbeiterkultur sehr nahe bleiben. Dass wir der Jugendarbeitskultur sehr nahe sind, bezweifle ich, obwohl wir es stark versuchen. Wir werden es schaffen, wenn wir mehr Jugendliche organisieren, wenn wir die Vorschläge der Jugendlichen besser anhören und sie ernsthaft wahrnehmen. Wenn die Leute glauben, dass sie etwas verändern können, verändert sich auch etwas.

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