Lehrlingsmonitor

Kurzzusammenfassung Lehrlingsmonitor 2015

In der internationalen Diskussion herrscht breiter Konsens, dass das duale Ausbildungssystem mit seinem starken Fokus auf die betriebliche Praxis eine Reihe von Vorteilen mit sich bringt. Dazu zählen die Integration in die Arbeitswelt, das praktische Lernen am Arbeitsplatz, der finanzielle Vorteil durch die Lehrlingsentschädigung oder der Erwerb von Beitragszeiten zur Pensionsversicherung. Doch während die duale Ausbildung zunehmend zum Exportschlager avanciert, streben hierzulande immer weniger Jugendliche eine Lehre an. Um diesem Widerspruch auf den Grund zu gehen, haben Arbeiterkammer und der ÖGB eine umfassende Lehrlingsbefragung beauftragt.

Dazu wurde zwischen November 2014 und April 2015 eine bundesweite Online-Befragung von Lehrlingen im letzten Lehrjahr durchgeführt. Es wurden insgesamt 6.495 gültige Fragebögen ausgewertet.

Um die Ausbildungsqualität verschiedener Lehrberufe und Lehrbetriebe vergleichen zu können, wurde ein Kriterienkatalog wesentlicher betrieblicher Ausbildungsbedingungen erstellt.

Die Lehrberufe mit den besten Bewertungen sind: ProduktionstechnikerIn, MaurerIn, Metalltechnik, Bankkaufmann/-frau, Zimmerei, Installations- und Gebäudetechnik, VerwaltungsassistentIn und LandmaschinentechnikerIn.

Zu den Berufen mit den schlechtesten Bewertungen gehören: Einzelhandel, MalerIn und BeschichtungstechnikerIn, Hotel- und GastgewerbeassistentIn, FriseurIn und PerückenmacherIn, Gastronomiefachmann/-frau, Koch/Köchin, Restaurantfachmann/-frau und Karosseriebautechnik. Diese Ergebnisse verdeutlichen: In einigen Bereichen der betrieblichen Lehrlingsausbildung gibt es konkreten Handlungsbedarf, um das heimische Modell zukunftsfit zu machen. Dies betrifft vor allem die Ausbildungsqualität, arbeits- und sozialrechtliche Fragen und das Arbeitsklima.

AUSBILDUNGSQUALITÄT

Häufig ausbildungsfremde Tätigkeiten
Lerninhalte und Tätigkeitsfelder für die Lehrlingsausbildung sind klar geregelt – und die meisten Lehrlinge wissen auch gut Bescheid über die Lerninhalte ihres Berufes (72 Prozent). Fragt man jedoch nach der betrieblichen Umsetzung, zeigt sich: Nicht einmal die Hälfte der Lehrlinge wird im Betrieb für rein ausbildungsbezogene Tätigkeiten eingesetzt. Jeder dritte Lehrling gibt sogar an, (sehr) häufig ausbildungsfremde Tätigkeiten auszuüben.

Kooperation der Lernorte Betrieb und Berufsschule nur mittelmäßig
Nur jeder vierte Lehrbetrieb (39 Prozent) erkundigt sich nach den Lerninhalten der Berufsschule. Gemeinsame Projekte zwischen Lehrbetrieben und Schulen gibt es in den wenigsten Fällen (13 Prozent).

Zu wenig betriebliche Unterstützung für die Lehrabschlussprüfung (LAP)
Nicht einmal die Hälfte (46 Prozent) gibt an, bei der Vorbereitung zur LAP vom Lehrbetrieb unterstützt zu werden. Nur zwei von fünf Lehrlingen (37 Prozent) geben an, dass ihr/e Ausbilderin mit ihnen über die Anforderungen der Lehrabschlussprüfung gesprochen hat.

Anwesenheit der AusbilderInnen
Fast die Hälfte der Befragten (44 Prozent) sagt, sie würde den/die verantwortliche/n AusbilderIn nie oder nur selten im Betrieb sehen.

ARBEITSRECHT

Ein Drittel leistet Überstunden, nicht immer freiwillig
Für jugendliche Lehrlinge gelten besondere arbeits- und sozialrechtliche Bestimmungen. So sind z. B. Überstunden für sie verboten. Die Realität sieht in vielen Betrieben leider anders aus: Jeder dritte Lehrling unter 18 Jahren gibt an, regelmäßig Überstunden zu leisten – für jede/n Vierte/n sind diese Überstunden sogar unfreiwillig.

Arbeitsaufzeichnung
Über schriftliche Arbeitszeitaufzeichnungen verfügen knapp zwei Drittel der Lehrlinge (64 Prozent), für jeden fünften Lehrling (22 Prozent) gibt es keine Arbeitszeitaufzeichnungen.

Übernahme der Internatskosten
Nur rund die Hälfte der Lehrlinge gibt an, dass ihr Lehrbetrieb die Internatskosten übernimmt. Weitere 11 Prozent bekommen wenigstens einen Zuschuss vom Lehrbetrieb. 41 Prozent der Lehrlinge müssen die Kosten für das Internat jedoch zur Gänze selbst übernehmen. (Anmerkung: Laut derzeitiger Rechtslage muss der Betrieb für die Zeit der Unterbringung in einem Internat die Lehrlingsentschädigung weiter bezahlen. Diese dient zur Abdeckung der Internatskosten. Sind die Internatskosten höher als die Lehrlingsentschädigung, muss der Betrieb eine Aufzahlung leisten. In einigen Kollektivverträgen ist geregelt, dass dem Lehrling zusätzlich zu den Internatskosten die Lehrlingsentschädigung zum Teil oder zur Gänze verbleiben muss. Ist das nicht der Fall, und die Lehrlingsentschädigung muss zur Deckung der Internatskosten verwendet werden, bleibt dem Lehrling für die Zeit des Internatsaufenthaltes kein Geld.)

AUSBILDUNGSKLIMA

Betriebliche Rahmenbedingungen
Die Rückmeldungen zum Ausbildungsklima sind ambivalent: Mehr als zwei Drittel der Lehrlinge geben an, dass ihnen die Arbeit im Betrieb Spaß macht. Gleichzeitig sagt jedoch jeder zweite Lehrling, dass in der Ausbildung nicht auf seine/ihre Neigungen und Interessen eingegangen wird. Jeder vierte Lehrling gibt an, dass es bei neuen Arbeitsaufgaben nicht genügend Zeit zum Ausprobieren gibt.

Feedbackkultur
Nur vier von zehn Lehrlingen (38 Prozent) geben an, dass es mit dem Lehrbetrieb einen adäquaten Austausch über den Ausbildungsverlauf gibt.

Ausbildungsabbruch und Verbleib im Lehrberuf
Jeder zweite Lehrling hat während der Lehrzeit mindestens einmal über einen Ausbildungsabbruch nachgedacht, wiederum die Hälfte davon (also insgesamt ein Viertel aller Lehrlinge) hat diese Überlegung sogar ernsthaft in Betracht gezogen. Überdies gibt jeder vierte Lehrling an, von sich aus nach dem Lehrabschluss nicht im Betrieb bleiben zu wollen.

Berufliche Zukunft wird pragmatisch-optimistisch gesehen
Mehr als zwei Drittel der Lehrlinge (68 Prozent) blicken ihrer individuellen beruflichen Zukunft zuversichtlich entgegen. Zwei von drei Lehrlingen (64 Prozent) fühlen sich durch die Lehrausbildung gut auf die zukünftige Arbeit als Fachkraft vorbereitet.

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