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Pornowelt und Sex 4.0

Seit es das Internet gibt, sind Pornos immer und überall offen zugänglich. Dating-Seiten, Polyamorie und Sexpositiv-Partys sind stark im Kommen. Werden wir immer freier oder steigt auch der Druck auf uns? hallo! geht der Sache nach.

Peter ist 16 und pornosüchtig. Sagt er jedenfalls von sich. Er weiß, wo er die geilsten Videos im Netz findet, auf die er am meisten steht. Und er hat viele Fantasien, die er auch gerne in der Praxis ausprobieren möchte. Auch mit seiner Freundin Sabine. Seine Fantasien reichen von Sex zu dritt mit einem anderen Mädchen oder auch einem zweiten Jungen zusammen mit seiner Freundin. Auch Rollenspiele und Fesseln kann er sich vorstellen. Und überhaupt findet er Fetischklamotten geil.

Mit Sabine kann er über solche Fantasien nicht reden. Die würde er abschrecken mit seinen Wünschen, ist er sicher. Sie fand es schon nervig, dass sie sich die Schamhaare rasieren soll, weil Peter das unbedingt von ihr wollte. Das Netz-Dessous, das Peter ihr zum Geburtstag kaufte, hatte sie einmal beim Sex an. Peter fand es super, aber sie kam sich ziemlich komisch darin vor.

Vom Schmuddelheft zum Internet. Während unsere Eltern noch verstohlen Pornohefte im Kiosk oder DVDs im Sex-Shop kaufen mussten und sich umdrehten, ob sie ja niemand dabei sieht, ist Porno heute im Netz allgegenwärtig. Youporn & Co. kennt einfach jeder. Und unzählige Dating-Plattformen von Tinder über Badoo bis zu Grindr machen auch Sexdates in Beziehungen oder als Single ziemlich leicht. Früher war die Sexualaufklärung auf den Biologieunterricht beschränkt. Wissen und Erfahrung war dann learning by doing. Die heutige Internetgeneration ist bereits mit den photogeshopten Bildern und perfekt gestylten Pornovideos aufgewachsen – immer und überall zugänglich. Klar, dass sich das auf die späteren Beziehungen mit Partnern und Partnerinnen auswirkt.

Nicht nur Mädchen bekommen diesen Druck immer mehr zu spüren und versuchen, aus Liebe zu ihrem Boyfriend seine Wünsche zu erfüllen. Bei jungen Frauen sind manchmal Essstörungen, radikale Diäten und sogar total unnotwendige Schönheitsoperationen die Folge. Genauso kommen aber auch die Burschen unter Druck, wenn die Mädchen die superpotenten Muskelprotze aus Pornovideos und Werbung cool finden. Und die Jungs wollen dann auch so aussehen und pumpen sich im Fitnessstudio mit chemischer Unterstützung die Muskeln auf, um einem Idealbild zu entsprechen, das sie vielleicht nie erreichen werden.

Beziehung statt Porno. Die schöne neue Pornowelt ist nicht die Wirklichkeit. Das merkt jede und jeder spätestens in der Beziehung. Da geht es zuerst nicht um Stellungsakrobatik und Leistungsbettsport, sondern darum, sich gegenseitig zu verstehen und die Wünsche des anderen auszuloten. Und es geht darum, klar zu sagen, was man nicht mag, auch wenn es der Partner oder die Partnerin unbedingt will.

Polys und Sex-Positiv-Partys. Peters Freund Flumi, den er manchmal in Wien besucht, wenn er fortgeht, lebt sich voll aus. Mit ihm kann er über seine Sexfantasien reden. Flumi ist 20 und geht öfters mit seiner Freundin Claudia zu Sex-Positiv-Partys, die es seit kurzem in Club-Locations gibt. Das Paar lebt „poly“ und lernt gern auf solchen Partys andere Gleichgesinnte kennen. Beide sind gegen die klassische Zweierbeziehung und finden sie einengend. Seit sich die 19-jährige Claudia vor einem Jahr auch in Valentin verliebt hat, teilt sie Flumi mit ihm. Manchmal haben sie auch alle drei zusammen Sex. Heute ist das ganz normal für sie. Aber am Anfang war Flumi noch verdammt eifersüchtig. Auf den regelmäßigen Poly-Treffen mit anderen polyamor lebenden Leuten lernten sie das Konzept verstehen.

Inzwischen gibt es diese Treffen in mehreren Bundesländern. Sie haben nichts mit Swingerclubs zu tun, wie viele glauben. Es geht bei der Polyamorie darum, dass man auch Liebesbeziehungen mit mehreren Menschen haben kann, egal welchen Geschlechts. Das geht aber nur, wenn es der Partner auch akzeptiert und seine Eifersucht in „Mitfreude“ umwandeln kann. „Leicht ist das nicht“, sagt Flumi, „aber wir haben uns für dieses Leben entschieden. Ich liebe Claudia und sie liebt mich und Valentin und ich ihn.“ Die drei verstehen sich gut. „Unsere Dreierbeziehung ist super, aber wir müssen viel mehr reden und uns drei koordinieren. Das ist schon komplizierter als in einer Zweierbeziehung. Manchmal fahren wir richtig auf einer emotionalen Achterbahn“, meint er lachend.

Lieber throuple als couple? Oder eine offene Beziehung? Sicher nicht für alle das Optimale. Aber sehr okay, wenn es für die BeziehungspartnerInnen passt. „Für Frauen ist es besonders wichtig, nicht in die Sexismusfalle zu tappen. Sex und die Art der Beziehung darf niemals in Zwang oder Diskriminierung durch Männer ausarten“, sagt der Sexualtherapeut Rainhard Gaida. „Sexualität ist etwas Intimes, egal ob du sie zu zweit, zu dritt oder mit mehreren Partnern auslebst.“

Seine sexuelle Orientierung und die eigene Freiheit entdecken. Freie Liebe und offener Sex ist so alt wie die Menschheit. Nach fast 2.000 Jahren Zwang zur Zweierbeziehung brachen die alten Strukturen schon in den 60er-Jahren auf. Die Hippys vor 50 Jahren predigten schon damals die freie Liebe und lebten sie in ihren Kommunen aus. Die Feministinnen und die Schwulen- und Lesbenbewegung erkämpften für uns alle das Recht, dass jede und jeder so leben und lieben kann, wie er oder sie will – egal ob hetero oder schwul, lesbisch, bi- oder transsexuell, queer oder intersex (LGBTQI). Alles ist okay, solange es safe und einvernehmlich ist.

Sich beraten lassen. Egal in welcher Beziehung man lebt, neben der Liebe ist das Arbeiten an der Beziehung extrem wichtig. Offen sein und die eigenen Wünsche und die des anderen zu verstehen – darum geht es. Wichtig ist, dass man sich die Erwartungen an den jeweils anderen klarmacht. Vor allem die Burschen sollten nicht auf die falsche Pornowirklichkeit vertrauen. Und die Meinung der Freunde ist auch nicht immer zutreffend. Sie sind oft genauso unsicher und kaschieren das mit gespieltem Machogehabe. Es kann nicht schaden, auch einmal fachliche Beratung zu suchen, wenn’s um das Thema Sex geht (siehe Kasten).

Sich entdecken und zu sich selber stehen. Vorlieben kommen und gehen. Aber jede und jeder sollte auch die eigenen Gefühle hinterfragen, ob und welche Art von Sexualität für ihn oder sie wichtig ist. Liebe und Sexualität sind bei jedem Menschen ein Entwicklungsprozess. Die eigene Sexualität zu entdecken dauert ein Leben lang, obwohl viele schon relativ früh wissen, was ihnen gefällt und was nicht. Um zu wissen, ob man schwul, lesbisch, transsexuell ist oder auf Fetisch steht, kann es Jahre dauern. Was anfangs nur Schwärmereien und Fantasien sind, kann sich im Laufe der Jahre zum Problem entwickeln, wenn man es nur verdrängt. In manchen Familien, in ländlichen Regionen oder besonders bei MigrantInnen kann die sexuelle Orientierung ein ziemliches Problem sein. Wichtig dabei ist, zu wissen, dass niemand mit seinem Problem allein ist, und dass es vielen so ähnlich geht.

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