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Hört auf euer Herz!

hallo! sprach mit dem bekannten Wissenschafter Professor John Casti. Der amerikanische Mathematiker mit Wahlwohnsitz in Wien spricht über die Zukunft.

Franko Petri

Prof. Casti, was sollen junge Leute heute bei ihrer Wahl der Ausbildung und bei ihrer Berufswahl beachten?
Sie sollen vor allem eine Ausbildung machen, die sie wirklich interessiert und bei der sie aus dem Herzen spüren, was für sie das Richtige ist, worin sie talentiert sind, und sich nicht beeinflussen lassen, was sie tun sollen. Wichtig ist, dass man das Denken lernt, sich zu entwickeln und zu organisieren. Robotik und Computer werden zwar immer wichtiger, aber auch viele heutige Berufe werden bleiben. Nicht alles können in Zukunft Roboter übernehmen.

Wie sieht die Job-Entwicklung der Zukunft aus?
Viele Berufe werden schon sehr bald von Maschinen und Robotern übernommen werden. In Japan habe ich gesehen, wie hinter Hotelrezeptionen bereits heute Roboter stehen, die das Check-in übernehmen, und Roboter tragen die Koffer auf die Zimmer. In den meisten Ländern der Welt stellen Lkw-Fahrer die größte Zahl an Arbeitern. Solche Jobs, wie auch Taxifahrer, werden bald von selbstfahrenden Autos obsolet werden. Das ist ein großes soziales Problem. Denn die meisten Leute identifizieren sich mit ihrer Arbeit. Mindestsicherung für alle wie in Finnland ist zwar positiv, aber das reicht nicht für die persönliche Befriedigung als Mensch. Ich denke, im Gesundheitssektor gibt es viele Entwicklungsmöglichkeiten und auch in der Robotik. Auch der Klimawandel wird viele Möglichkeiten bieten wie z.B. Städtebau unter Wasser. Binnenländer wie Österreich haben generell einen Vorteil, weil viele Menschen in die Länder strömen werden, die vom steigenden Meeresspiegel nicht so betroffen sein werden.

Unsere Gesellschaft droht immer mehr auseinanderzufallen, weil die Reichen reicher und die Armen immer ärmer werden. Wie sehen sie dieses Problem?
Ja, das stimmt leider. Die Ärmeren verlieren ihre Freiheit, weil sie nicht so locker über ihr Leben verfügen können wie die Reichen. Das führt zu Spannungen wie bei einem Gummiband und das ist nur begrenzt belastbar. Früher oder später kann diese Entwicklung zur Katastrophe oder zu neuen Kriegen führen, sogenannten „x-events“. Wir können das zwar nicht verhindern, weil das zu allen Zeiten so war. Altes verschwindet und Neues braucht Raum, um sich zu entwickeln. Aber wir müssen darauf achten, dass wir diese Entwicklungen begrenzen und kontrollieren können. Wenn man Teile des Waldes abholzt, kann das sinnvoll sein, aber wenn man den ganzen Wald abholzt, führt das zur Katastrophe.

Acht Superreiche verfügen heute über mehr Reichtum, als die Hälfte der gesamten Menschheit und 1,5 Milliarden Menschen leben in bitterster Armut. Ist das fair und soll man Reichtum begrenzen?
Das Leben ist leider nicht fair. Das ist ein Resultat der Entwicklungen unserer Zeit. Wir in den reicheren Staaten sind heute alle reicher als die Mehrheit der Menschheit. Eine Beschränkung des Reichtums für Einzelne wird nichts bringen, das wäre zu einfach, weil die Menschen, die solchen Reichtum anhäufen, auch die Gesellschaft weiterbringen. Die handeln zwar aus Eigeninteresse, aber sie würden gebremst werden und die Weiterentwicklung würde verlangsamt oder gestoppt werden.

Was waren Ihre drei Vorhersagen, die heute bereits eingetroffen sind?
Erstens habe ich schon vor Jahren gemeint, dass sich die Globalisierung wieder rückentwickeln wird. Damals wurde ich von anderen Zukunftsforschern kritisiert und belächelt. Heute sehen wir mit Brexit und Trump, dass dies eintreffen wird. Zweitens warnte ich vor der zunehmenden Ungleichheit in den Gesellschaften der Welt und der Gefahr von Revolutionen. Drittens sagte ich die Verlagerung der Bedeutung der westlichen Gesellschaften von West nach Ost voraus, also die zunehmende Bedeutung Asiens. Genau das erleben wir jetzt gerade.

Wie sehen Sie den Aufstieg der rechtsextremen Kräfte und der Autokraten?
Die Ursachen sind nicht nur in der zunehmenden Ungleichheit zu suchen. Die Menschen verlieren immer mehr das Vertrauen in ihre gewählten Regierungen. Sie haben ihre Heimat verloren. Ich denke, Donald Trump und HC Strache haben da viele Ähnlichkeiten. Auch in Frankreich und anderen Ländern sprechen diese Kräfte die Unzufriedenen an. Diese Menschen wollen nicht nur kosmetische Veränderungen, sondern große Systemwechsel. Der Reichtum wird immer ungleicher verteilt und konzentriert sich auf immer weniger Leute. Das spüren die Menschen.

Wie sehen Sie die nächsten vier Jahre mit Donald Trump in den USA?
Ich denke, alles wird sehr extrem werden, aber wir wissen noch nicht genau wie. Trump wird sein Ego befriedigen wollen und dabei große Risiken eingehen. Amerika wird vielleicht zu einer Festung werden, wie Korea. Ich persönlich fürchte mich aber nicht und bin froh, dass ich in Österreich leben werde.

Welchen Rat würden Sie jungen Menschen von heute geben?
Nichts ist sicher im Leben. Lasst euch geistig nicht einkerkern oder begrenzen! Haltet eure Augen offen, seid flexibel und geht auch Risiken ein und entwickelt euch selbst!

wiesoweshalbwarum

John Casti lehrte an vielen amerikanischen Universitäten wie Santa Fe, Tucson/Arizona, New York, in Princeton und auch an der Technischen Universität Wien und am Internationalen Institut für angewandte Systemanalyse in Laxenburg. Er gründete das internationale X-Center, das sich mit den Auswirkungen von Extremereignissen auf die Gesellschaft befasst. 1972 kam er zum ersten Mal nach Wien und lebt nun seit 2005 abwechselnd in den USA und in Österreich. Er habe sich sogar schon für einen Platz am Wiener Zentralfriedhof interessiert, wenn er einmal stirbt (dabei lacht er).

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