ÖGJ

„Das Ich ist alles, das Wir ist nichts mehr“

Bernhard Heinzlmaier ist seit mehr als zwanzig Jahren in der Jugendforschung tätig. Mit hallo! sprach er darüber, wie es der Jugend geht, was sie interessiert und wie die Zukunft der Jugendlichen aussieht.

Franko Petri

Was sind die wichtigsten Trends in der Jugendszene?
Heute bastelt sich jeder sein eigenes Moralsystem. Die Jugendlichen wollen gut aussehen. Mode, Körperkult, die Selbstpräsentation in den sozialen Medien ist wichtig. Die großen Zusammenhänge und allgemeinen Werte sind unwichtig geworden.

Und was interessiert die Jugend von heute am meisten?
Die besser Gebildeten orientieren sich an ihrem Beruf und an ihrer Selbstverwirklichung, die weniger gebildeten Schichten mehr an der Freizeitkultur.

Was macht Jugendlichen besonders Angst?
Die Elterngeneration wusste noch „ich kann etwas werden“. Heute sind wir eher in einer Abstiegsgesellschaft. Jugendliche von heute müssen die Rolltreppe hinauflaufen, um noch das Niveau von heute zu halten. Arbeitsplatz, Bildung und Sicherheit sind heute wichtiger als abstrakte Gefahren.

Sind Jugendliche politikfeindlich?
Der Großteil der Jugendlichen sieht Politik mehr als Schauspiel und macht sich eher wenig Gedanken darüber. Meist interessieren sich vielmehr die besser Gebildeten für Politik.

Haben Jugendliche ein anderes Verhältnis zur Arbeit als ihre Eltern?
Die Eltern identifizierten sich noch mit dem Unternehmen, für das sie arbeiteten und waren stolz darauf. Heute sind die jungen Leute viel flexibler und holen das Optimale für sich heraus. Jobs sind austauschbar geworden.

Warum ist die Jugend nicht mehr so rebellisch wie in den Jahrzehnten zuvor?
Die großen Utopien sind alle gescheitert, trotz der Opfer, die gebracht wurden. Der Neoliberalismus hat den Einzelnen in den Mittelpunkt gerückt. Das Ich ist alles, das Wir ist nichts mehr. Die obersten fünf bis zehn Prozent profitieren auf Kosten der unteren 50 Prozent. Die Schere geht leider immer weiter auseinander. Und der Wettbewerb alle gegen alle ist eine Folge davon.

Was sind die wichtigsten Jugend-Szenen heute?
Da gibt es viele: die körperorientierte Fitnessszene, Tatoos und Piercings. Dann die Sportfans, die lieber zuschauen, wie die Fußballfans. Die Gaming- und Youtube-Szene sucht sich ihre eigenen Vorbilder. Dann gibt es noch die zehn Prozent Alternativen, die eher elitären Ökos, die aus besser gebildeten Schichten kommen.

Was sind die Herausforderungen für die Lehrlinge?
Sie werden zu wenig unterstützt und gefördert. Die Politik sollte nicht nur in Start-Ups investieren, sondern in Berufsschulen und Ausbildungsakademien. Bei der Stadt Wien gibt es große Aufstiegschancen, aber z. B. als Friseurlehrling nicht so viele. Lehrlinge sollten sich die Potenziale ihres Lehrberufs anschauen, bevor sie sich dafür entscheiden.

wordrap

Lehrlinge – benachteiligt
Jugendliche – unter Druck
Politik – langweilig
Kapitalismus – ekelhaft

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